Weihnachten 2016


Jetzt leben und arbeiten wir schon gute 2 Jahre im Seemannsheim in Alexandria. Besonders gefreut, haben wir uns ins dieser Zeit, über den zahlreichen Besuch aus Deutschland! Euch unsere Wahlheimat auf Zeit, das Seemannsheim in Mitten des Großstadtdschungels, einen kleinen Einblick in unseren Alltag, Land, Leute und vieles mehr zeigen zu dürfen, ist uns sehr wichtig, macht unglaublich viel Spaß und gibt uns dadurch auch immer wieder die Gelegenheit, selber viel aufmerksamer Dinge und Menschen zu betrachten.

Aber was wäre ein Besuch in Ägypten ohne Kairo gesehen zu haben? Auf jeden Fall zu den Pyramiden, klar, aber auch unbedingt die islamische Altstadt, die Zitadelle, das koptische Viertel, die Totenstadt und und und. Was aber alle unsere Besucher besonders beschäftigt hat und im Gedächtnis geblieben ist, ist die Fahrt durch das Müllviertel zum Saint-Samaan-Kloster und der Blick von dort über die Dächer.

Dazu ein Text unserer Pfarrerin der deutschsprachigen christlichen Gemeinden in Ägypten, Nadia el Karsheh, im Gemeindebrief (www.degkairo.org)

Weihnachten bei den Müllsammlern

Es ist der 6. Januar, Heilig Abend der Koptisch-Orthodoxen Kirche. Wir fahren mit sechs Besucherinnen aus unserer alten Gemeinde in Deutschland durch das Müllviertel Manshiyet Nasr am Fuße des Muquattamberges. Die Gassen sind eng, überall stehen die Pickups und Eselskarren, die tagsüber den Müll aus den wohlhabenderen Gegenden von Kairo zusammentragen. In den zur Straße offenen Erdgeschossen der Häuser sehe ich, wie sich der Müll stapelt. Sortiert, unsortiert. Unmengen. Es ist dunkel, ein strenger Geruch dringt durch die Lüftung des Minibusses.

Wir sind hier, um den Abendgottesdienst im koptisch-orthodoxen Saint-Samaan-Kloster mitzufeiern. Es gibt keinen anderen Weg zu den eindrucksvollen Höhlenkirchen des Klosters als den mitten durch das Wohn- und Arbeitsviertel der Müllsammler.

1969 verfügte ein Beschluss des damaligen Gouverneurs von Kairo, dass alle Müllsammler der Stdt sich in der Gegend unterhalb des Muqattam anzusiedeln hatten. Offenbar der Versuch, diese Menschen mit ihrem für viele abstoßenden Lebenswandel in eine Art Ghetto abzuschieben. Weit weg vom Blick der reicheren Städter. Heute gibt es viele solcher Müllsammlerviertel aber es sind nach wie vor überwiegend Christen, die in ihnen leben und arbeiten.

Zunächst bestand Manshiyet Nasr aus einer Ansammlung einfacher Hütten. Da ihre christlichen Bewohner auch die organischen Abfälle der Stadt verwerteten, hielten sie Schweine, Schafe, Ziegen, Tauben und andere Nutztiere, weshalb die Hütten im Volksmund „Zaraayib“, „Schweineställe“ genannt wurden.

Nach und nach verwandelten sich die „Schweineställe“ in feste mehrstöckige Betonbauten. Nicht selten aber werden ganze Etagen dieser Häuser von Vieh- und Schweineherden „bewohnt“. Die christlichen „Zabballin“, die Müllsammler waren und bleiben den meisten Kairenern suspekt, auch wenn sie sehr nützlich sind und die Stadt ohne sie vor noch viel größeren Müllproblemen stehen würde. Heute leben in Manshiyet Nasr geschätzte 30 000 Menschen von und mit den Abfällen der Megacity.

Kein Wunder also, dass die Luft im Minibus immer strenger riecht, während wir uns in Richtung Kloster durch die engen Straßen vorarbeiten. Ich frage mich, was im Kopf unseres muslimischen Busfahrers wohl vor sich geht. War er schon einmal hier? Und hat auch unsere wohlhabende christliche Vermieterin dieses Viertel schon einmal besucht? Ja, das hat sie sicher, fällt mir ein. Das wunderbare Saint-Samaan-Kloster, das sich direkt an die Häuser der Zabballin anschließt, wird sie auf jeden Fall schon mindestens einmal hierher geführt haben. Heute ist es ein bedeutender koptischer Pilgerort, nicht nur für Orthodoxe. Damals, als die Geschichte dieses Klosters begann, war diese Entwicklung überhaupt nicht abzusehen. Es begann mit dem einfachen Müllsammler Qiddies Agieb Abd Al-Masieh. Zwei Jahre lang versucht er vergeblich, einen Priester, den er in seinem Müllsammelquatier in Shubra kennen gelernt hatte, davon zu überzeugen, dass die Menschen in Manhiyet Nasr Gottesdienste und geistlichen Beistand brauchten. Selbst dem Priester war nicht wohl bei dem Gedanken, ausgerechnet in einer solchen Gegend das Evangelium verkünden zu sollen. Die Legende erzählt, dass er am Ende keine andere Wahl hatte. Selbst ein Fluchtversuch, ähnlich dem des Propheten Jona, misslang, so dass er sich 1974 endlich dem Ruf Gottes fügte und mit dem Aufbau einer Gemeinde im Müllsammlerinnen und Müllsammler begann. Was heute daraus geworden ist, versetzt mich in Erstaunen.

Ich bewundere den Müllsammler Qiddies. Er lässt sich nicht entmutigen. Bleibt beharrlich. Ist davon überzeugt, dass auch die Menschen „aus den Schweineställen“ ein Recht auf das Evangelium haben, auf die gute Nachricht Gottes. Und dass sie eine Würde, die von Gott kommt. Egal, was andere denken und sagen.

Wir schieben uns voran durch das Gedränge, müssen einem entgegenkommenden Fahrzeug Platz machen. ich schaue weiter aus dem Fenster: Schaue in glückliche, offene Gesichter.

Heute arbeitet keiner mehr. Es liegt etwas Heiliges in der Luft. Kinder laufen und spielen mitten im engen Getümmel. Die Familien sitzen in Sonntagskleidern vor ihren Häusern. Sie winken uns zu und rufen: „Merry Christmas!“

Wer ist wie der HERR, unser Gott, im Himmel und auf Erden?

Der thront in der Höhe, der hernieder schaut in die Tiefe,

der den Geringen aufrichtet aus dem Stabe und erhöht den Armen aus dem Schmutz,

dass er ihn setze neben die Fürsten, neben die Fürsten seines Volkes. (Psalm 113, 5-8)

Wir wünschen uns allen eine gesegnete Weihnachtszeit und ein gutes und friedliches Neues Jahr 2017! mit weiterhin viel Besuch!

Karin und Markus

und hier noch Bilder aus der Müllstadt: