Ägypten – ein Land am Scheideweg


Nassersee (899) (Medium)

Von Karin und Markus

Dass Ägypten ein spannendes Land ist wussten wir, dass es aber gleich so spannend wird, hätten wir uns niemals träume lassen. Wir erleben dort seit 2 Jahren hautnah, was Überbevölkerung der Welt in einem elitären Militärregime bedeutet.

Ein paar Fakten vorneweg. Ägypten hat erst Ende November seinen 100 Millionsten Staatsbürger offiziell begrüßt. Rund 8 Millionen davon leben im Ausland, der Rest auf einer bewohnbaren Fläche, die ungefähr so groß, wie Belgien ist. (Das Land besteht ja überwiegend aus Wüste, nur ein kleiner Teil, am Nil und im Nildelta, sowie einige wenige Oasen sind bewohnbar). Das bedeutet, dass Städte wie Alexandria (inoffiziell zwischen 8 und 10 Mio. Einwohner) und Kairo (inoffiziell um die 32 Mio. Einwohner) etwas höhere Einwohnerdichten haben. Leben z.B. in München 2.300 Einwohner auf einem km², so sind es in manchen Stadtvierteln in Kairo bis zu 150.000 pro km². Durch eine konservative Familienplanung und fehlender intensiver Aufklärungskampagnen seitens des Staates, ist ein Ende wohl nicht in Sicht.

Viele Wohngebiete entstehen wild ohne Genehmigung und geplanter Infrastruktur. Immer mehr Häuser werden illegal im Nildelta erbaut und mindern zunehmend das zur Verfügung stehende fruchtbare Land. Kläranlagen gibt es in den Städten nur begrenzt und entsprechend ist der Nil hoch belastet. Ebenso der Müll, hauptsächlich Plastikmüll der achtlos in die Umwelt geworfen wird, ist in diesem Land überall omnipräsent. Uns ist keine einzige Müllverbrennungsanlage bekannt. in Alexandria z. B., wird der eingesammelte Müll auf einige größere Ablageflächen gekippt, die sich dann manchmal selbst anzünden und tagelang vor sich hin schwelen. Was nicht auf den Müllhalden landet, wird oftmals über die Wasserkanäle ebenfalls ins Mittelmeer gespült und dann überall gut sichtbar, durch die Strömung wieder an den Strand geschwemmt.

Der Verkehr in den Straßen ist selbst zu ruhigen Zeiten schlimmer als in deutschen Großstädten zur Hauptverkehrszeit. Auch hier erzeugt die zunehmende Bevölkerung (im letzten Jahr wuchs Ägypten um 2,4 Mio. netto!) einen immer höher werdenden Druck auf die Straßen, denn der Personennahverkehr wird fast ausschließlich durch Privatautos, Taxen, Minibussen und Tuktuks gestemmt. Durch das massive Verkehrssaufkommen, gepaart mit meist alten Autos und entsprechenden Verbrennungsmotoren, sowie teils schlechter Spritqualität, lassen die Stätte unter einer Smokdecke ersticken. Durch den wenig geregelten Straßenverkehr, aggressives und rücksichtsloses Fahr- und Parkverhalten, die Hupe als Kommunikationsmittel, überhöhte Geschwindigkeit, viele schrottreife Autos, kaum Infrastruktur für Fußgänger, teils sehr schlechte Straßen- und Gehwegeverhältnisse, usw. wird für uns der Gang vor die Haustüre oftmals zu einem nervenaufreibenden, anstrengenden und gefährlichen Abenteuer.

Nun ist in den letzten Jahren eine der Haupteinnahmequellen, der Tourismus, komplett eingebrochen. Mehr als 8 Millionen Menschen haben ihre Arbeit verloren (sowie damit die Versorgung der Familie) und der Staat sehr wichtige Deviseneinnahmen. Der Ausbau des Suez Kanals hat sich bisher noch nicht ausgewirkt, da die Weltwirtschaft krankt und somit die Durchfahrten sogar um 8 % abgenommen haben. Auch innerhalb des Staates greifen Wirtschaftsreformen nur sehr schwach. Hohe Korruption, fehlende Rechtssicherheit und Inkompetenz der Verwaltung (dazu haben wir ja bereits ein paar Artikel geschrieben) locken nicht wirklich Investoren ins Land. Bestehende aus- und inländische Firmen haben seit knapp einem Jahr wirkliche Probleme ihre Einnahmen in Devisen zu tauschen und schließen oder verlassen deshalb das Geschäft in Ägypten, dringend notwendige Rohstoffe können nicht mehr importiert werden und verringern oder stoppen dadurch die Produktion. Das Militär, hält nach inoffiziellen Angaben bis zu 40 % (offiziell 1,5 %) der Wirtschaftsbetriebe in der Hand. Militärdienstleistende werden als billige Arbeitskräfte z. B. in Lebensmittelfabriken oder im Straßenbau eingesetzt. Damit wird in vielen Teilen die Privatwirtschaft torpediert und konkurrenzunfähig gemacht.

Die Devisenknappheit und das lange Festhalten durch Subvention an einem fiktiven (und völlig unrealistischem) Dollarkurs haben die Devisenreserven des Landes aufgefressen.

All dies äußert sich insbesondere bei der ärmeren Bevölkerung. Auch da noch ein paar Zahlen dazu: Das Durchschnittsalter in Ägypten beträgt 24 Jahre. Die Analphabetenrate liegt bei über 40 %, (die Schulbildung ist sehr dürftig – der Bildungsminister hat gerade angekündigt, dass sie die Klassenstärke von 80 Kindern auf die nächste Zeit halten möchten). Lehrer werden sehr schlecht bezahlt und bessern ihr Gehalt durch Nachhilfestunden der eigenen Schüler auf. Auch hier kommt der Staat durch den enormen Bevölkerungszuwachs, weder in der ausreichenden Menge der Lehrerausbildung, noch im notwendigen Schulbau hinterher.

Die Arbeitslosenquote liegt offiziell knapp über 10 %, inoffiziell das 3-4-Fache und in den Zeitungen stand gerade erst, dass die Zahl von 28 % Menschen in Ägypten, die unter dem Existenzminium von 1 US$ / Tag leben, sich wohl verdoppelt hat. Wer die Möglichkeit hat, versucht im Ausland zu studieren und kehrt oftmals durch fehlende Perspektiven im eigenen Land, nicht mehr zurück. Ägypten droht der soziale und ökonomische Offenbarungseid. Die Hälfte der Menschen ist arm oder bitterarm. Bei besser gestellten Familien wird das Geld langsam ebenfalls knapp, lediglich eine sehr dünne Oberschicht von Superreichen lebt abgehoben, noch in Saus und Braus.

Vom arabischen Frühling der vor 5 Jahren die Welt in den Bann gezogen hat, ist nichts mehr übrig. Die Regierung geht rigoros gegen alle Andersdenkenden vor. Alle nennenswerten Kräfte der Opposition sind mundtot gemacht, das gesamte politische Spektrum der Nation an der Entwicklung des Landes teilnehmen zu lassen, wird unterdrückt. Die besten Köpfe der demokratischen Bewegung sitzt im Gefängnis, der Großteil der Zivilgesellschaft ist stranguliert. Es gibt kaum noch zugelassene NGOs. Keine einzige deutsche Stiftung kann mehr normal arbeiten.

Durch den Devisenverfall und den fehlenden Importen sind die Preise vieler Lebensmittel bis zu 50 % gestiegen. Die Ausgaben für Strom, Gas, Wasser, Medikamente, ebenso das bis jetzt subventionierte Benzin, schnellen in die Höhe. Viele Waren des täglichen Lebens gibt es einfach nicht mehr oder nur noch zu hohen Preisen. Ein gutes Beispiel ist, Zucker. Wird er doch in Ägypten selbst hergestellt und ist es für den Ägypter ausgesprochen wichtig, um sich sein Leben zu versüßen (besonders der ständig und in Mengen getrunkene schwarzer Tee. 3 Teelöffel pro Glas muss es schon sein), gibt es ihn seit einigen Monaten fast überhaupt nicht mehr. Kommt ausnahmsweise eine Zuckerlieferung an, werden nur 2 Kilo pro Person zu einem unverschämt hohen Preis abgegeben. Wir standen das letzte Mal nur für Zucker, rund 30 Minuten an der der extra „Zuckerkasse“ an.

Der Staat wird mit Krediten von außen am Leben gehalten. Gerade erst hat der IWF dem Land 12 Mrd. Dollar als Kredit versprochen, natürlich mit Auflagen. Eine davon war z. B. die Freigabe der Währung mit den wie oben beschriebenen Folge und eine Einführung einer Umsatzsteuer, welche die Preise zusätzlich um mindestens 13 % steigen lies. Auflagen allerdings, die jetzigen und zukünftigen Finanzhilfe an eine politische Liberalisierung im Inneren Ägyptens zu knüpfen, gibt es nicht. Glasklare Forderungen nach Menschenrechten und Meinungsfreiheit hat das Regime nicht zu befürchten.

Auch sonst ist die westliche Welt großzügig in der Kreditvergabe für Ägypten. Das ist für das Überleben des Staates ausgesprochen wichtig, da die arabischen Länder sich gerade aus den verschiedensten Gründen aus Ägypten zurückziehen.

Warum macht das Europa so? Warum unterstützen wir ein Land, dessen Regierung nicht unbedingt unseren Normen von Menschenrechten und Demokratie entspricht? Das ist eigentlich sehr klar ersichtlich. Zum einen ist nach wie vor für Europa Ägypten ein lukratives Geschäftsfeld. Flugzeugträger aus Frankreich, Italien möchte ein großes Gasfeld vor der ägyptischen Küste erschließen, Deutschland hat ein Mega-Auftrag für Siemens erhalten. Zum zweiten, sollte es in diesem Staat zu neuen Unruhen kommen, gehen alle Fachleute davon aus, dass die radikalen Gruppierungen hier versuchen werden dies massiv auszunutzen. Das Bevölkerungsreichste Land in der Region steht dann eventuell vor dem gleichen Punkt wie Libyen, Syrien und viele andere Länder. Die Folge daraus wären auch wieder Flüchtlingsströme, nur dann in wesentlich höheren Zahlen.

Im Moment schafft der Staat noch die Menschen im Zaun zu halten. Angekündigte Demonstrationen wurden im Keim erstickt und die Anzahl der politisch Gefangenen ist so hoch, wie noch nie zuvor in der Geschichte. Doch weiß niemand, wann sich das Ganze umwenden wird.

Alles ist sehr spannend