Wahlen in Ägypten


P1080623 (Medium)In wenigen Wochen sind hier Wahlen. Die ganze Stadt ist vollgepflastert mit Plakaten. Auch gerade erst (endlich) wieder schön gestrichene und renovierte Wände in der Innenstadt werden gnadenlos zugekleistert und zugepappt – manchmal gewinnt man fast den Eindruck, diese Menschen hier haben wirklich keinerlei ästhetisches Empfinden und nehmen auch nur wenig Rücksicht.

Wir haben erzählt bekommen, dass die Menschen die Politiker und z.T. auch die Parteien auf den Plakaten gar nicht kennen. Nach den Jahren des Militär- und „Moslembruderregimes“ gibt es auch kaum Menschen, die Erfahrungen mit dem politischen Geschäft aufweisen könnten. Politisch interessierte Jugendliche, die sich bereits mit jungen Jahren parteipolitisch schulen und emporarbeiten können, gibt es hier nicht.

Häufig bewerben sich Händler und Firmenmanager um die politischen Ämter – man vermutet dahinter die Hoffnung auf lukrative eigene Geschäfte. Aber sicher sind auch Idealisten unter den Politikern. Genau wie bei uns

Die Wahlslogans auf den Plakaten sind, so wird mir erzählt, relativ sinnentleert – „Wenn ihr die letzten Jahre vergessen wollt – wählt mich!“ – politische Programme sind den Wählern oft nicht bekannt.

Das mag in Deutschland gar nicht allzu sehr anders sein. Der Unterschied ist, dass man zumindest ein Stück weit weiß, welche Partei welche Richtung vertritt. Und man sich hoffentlich zum Großteil auf die Integrität der Politiker verlassen kann. Aber letztendlich bekommt man bei uns auch viel versprochen und wenig gehalten.

Auf den Plakaten ist neben dem Konterfei immer auch ein Bild abgedruckt: ein Handy, eine Weinrebe, ein Zug, …

Ich vermutete schon, dass das evtl. etwas mit den Analphabeten in Ägypten zu tun haben könnte. Und tatsächlich: Wer den Namen eines Politikers nicht lesen kann, macht sein Kreuz auf dem Stimmzettel neben dem entsprechenden Bildchen.

Diese Bilder konnte man zu Beginn der Wahleinschreibung registrieren lassen. Natürlich war ein großes Gedränge, denn die begehrtesten Piktogramme wurden als Erstes vergeben.

Bestens vertreten sind die Mächtigen des Tierreiches: Das Krokodil mit aufgerissenem Maul, der Löwe mit mächtiger Mähne. Der Elefant sieht interessanterweise dem Konterfei „seines“ Politikers nicht ganz unähnlich. (Komisch – ein Nilpferd hab ich bisher noch nicht gesehen ;-))

Schwierig wird es für den Wähler, wenn er sich fast gleiche Symbole merken muss: den Falken oder den Seeadler, die Armbanduhr oder den Wecker, den Bleistift oder den Füller. Sicherlich kommt der ein oder andere Jungwähler auch ins Sinnieren, wenn er sich entscheiden muss, ob er „der Knickhalslaute“ oder doch lieber „dem Fußball“ seine Stimme gibt. Steckt hinter dem Wassertropfen das Versprechen, sich für sauberes Trinkwasser einzusetzen, hinter dem Haus das Engagement für Wohnraum und hinter dem Auto oder der Bahn ein verbessertes Verkehrskonzept? Werbetechnisch unglücklich gewählt ist das Symbol einer nur für Fachleute zu erkennenden Offset-Lithographie Druckmaschine.

Die „Bärtigen“ sind auf den Werbeplakaten im Übrigen fast gänzlich verschwunden. Nur sehr vereinzelt ist das einstige Insignum für religiös besonders fest verwurzelte Traditionalisten zu sehen – das Wahlsymbol? Eine Ramadan Lampe – wer hätte es gedacht…

Und auch ein einziges Frauenplakat wurde gesichtet mit einem bunten Schmetterling – Zeichen der Hoffnung. Karins Lieblingsmotiv ist der Wiedehopf, der auch auf einem Frauenplakat hängt.

Alle sind schon ganz gespannt, ob – wie im letzten Jahr auch – an den Wahltagen wieder die Schule ausfällt. Da wurde vorgeschrieben, dass alle Schulen und öffentlichen Einrichtungen geschlossen sind, damit jeder in Ruhe zur Wahl gehen konnte.

An den Tagen nach der Wahl erkennt man die Wähler am eingefärbten Zeigefinger. (So war es zumindest in den Vorjahren) Mit einer Farbe, die erst nach Tagen wieder abwaschbar ist, werden diejenigen gekennzeichnet, die bereits wählen waren – damit möchte man dem Missbrauch begegnen. Aber das kann dann eine eigene Geschichte werden.