Wichtig ist, dass man etwas tut – nicht, dass man gewinnt!


Behandlungsraum

Vor ein paar Tagen habe ich ein ganz besonderes Projekt besichtigt, dass ich euch nicht vorenthalten möchte. Dieses arbeitet wirklich nach dem Motto „Wichtig ist, dass man etwas tut – nicht, dass man gewinnt“, denn gewinnen kann man eigentlich in solchen Fällen nicht.

In Ägypten gibt es viele Menschen, die an den Nieren erkrankt sind. Genaue Zahlen liegen zumindest offiziell nicht vor. Ebensowenig die Ursachen dafür. Interessant ist, dass sich die Krankheit durch alle Bevölkerungsschichten geht. Reiche Menschen können sich eine Klinik und die entsprechende Dialyse nach europäischem Standard leisten. Doch was machen die Menschen, die im Monat so wenig verdienen, dass sie sich nicht mal in solch einer Klinik eine einzige Behandlung leisten könnten?

Sie gehen zu staatlichen Kliniken. Der Staat gibt anerkannten Dialysebedürftigen 200 ägyptische Pfund pro Behandlung. (ungefähr 9 Euro) als Zuschuss. Dies aber nur an die Ärmsten, die bereits als „Arm“ im Staat geführt werden. Der Zuschuss muss dann alles abdecken.

In ägyptischen Kliniken ist der hygienische Standard oft nicht mit dem von uns zu vergleichen. Gerade in den Einrichtungen für die Ärmeren kam es früher oft zu Infektionen. Nicht umsonst gehört Ägypten zu den Ländern mit der höchsten Hepatitis C Rate, die ja durch Körperflüssigkeiten übertragen wird. (Ägypten hat mittlerweile den Kampf dagegen gestartet, doch das ist ein anderer Artikel).

Im Krankenhaus ist der Ablauf völlig anders, als wir es von Deutschland gewöhnt sind. Zuerst kommt man dort an und kauft sich eine Beratung beim Arzt. Nachdem dieser eine Diagnose gemacht hat, werden, genau wie in Deutschland, entsprechende Maßnahmen, bzw. weitere Untersuchungen veranlasst. Man muss diese sofort und vorher bezahlen. Ebenso muss man alle notwendigen Materialien in der Apotheke vor der Behandlung kaufen. Das geht so lange gut, wie man Geld hat, doch was passiert, wenn dieses fehlt – richtig, man kann sich nicht, oder nur mit einem erheblichen Aufwand an Genehmigungen, oder aber in einer sozialen Einrichtung behandeln lassen.

Eingang

Eine solche habe ich besucht. Abdou unser Vermieter der Ferienwohnung am Meer betreibt mit ein paar anderen bereits in Rente befindlichen Ärzten eine Dialyseklinik. Mitten in einem Wohngebiet gibt es eine kleine Klinik. Schon am Eingang merkt man, dass man in einer anderen Welt ist. Das Betreten mit Straßenschuhen ist verboten. Jeder muss klinikeigene Schuhe anziehen. In den Toiletten gibt es neben Seife auch Desinfektionsmittel für die Hände. Es riecht sehr sauber und ganz im Gegensatz zum sonstigen Ägypten ist es in den Räumen ganz leise. 12 Blutreinigungsmaschinen, die aus Europa kommen brummen und daneben sitzen 12 Menschen. Normalerweise müssten in so einer Einrichtung nun 4 Krankenschwestern arbeiten, doch das Geld langt nur für 2. Weitere Helfer sind vor Ort und versuchen das Leben am Laufen zu halten.

Besonders auffällig ist aber die Sauberkeit. Die Angestellten haben alle Kittel (ist in anderen Kliniken normalerweise nicht so), die Frauen Kopftücher und die irgendwie mit Blut zu tun haben Mundschutz und Handschuhe. Staub, der üblicherweise in Ägypten überall ist, muss man suchen. Selbst auf den Ablagen scheint erst gerade gewischt geworden zu sein. Abdou weist stolz darauf hin, dass es ihnen gelungen ist, hier für Menschen, die sich das nicht leisten können, eine Klinik nach europäischem Standard aufzubauen. Eher sogar nach deutschem Standard.

8 Angestellte, ein Apotheker und ein Arzt werden beschäftigt. Die Dialyse findet im Zweischichtbetrieb statt, das bedeutet, dass bis zu 58 Menschen hier die Möglichkeit gefunden haben, sich trotz fehlender Mittel behandeln zu lassen.

Leider bekommt die Klinik pro Behandlung ja nur, wie oben geschrieben, 200 Pfund pro Behandlung. Die tatsächlichen Kosten belaufen sich aber auf 330, da in dieser Klinik jedes Mal ein neuer Filter, sowie auch neue Leitungen für das Blut verwendet werden und der Abfall ordnungsgemäß entsorgt wird. Also fehlen schon einmal 80 Pfund pro Behandlung. Schnell hochgerechnet: 80 Pfund x 13 Behandlungen/Monat x 12 Monate= 12.480 Pfund pro Person. Hinzu kommen noch 30 Pfund für eine regelmäßige Blutuntersuchung, 68 Pfund für eine Spritze, die nach jeder Behandlung notwendig ist und 30 Pfund für eine Eisenspritze, die i.d.R. bei Blutwäsche notwendig sind.

Das Geld für diese Spritzen haben die Patienten nicht. Die Klinik versucht aus den erhalten Spenden mindestens einmal pro Woche eine Unterstützungsspritze und mindestens einmal pro Monat eine Eisenspritze zu finanzieren. Doch ist das eigentlich nicht ausreichen. Hinzukommen aber auch noch laufende Kosten für die Klinik, wie Gehälter, Strom, Wasserreinigung (sehr wichtig bei Dialyse), Unterhalt. Miete müssen sie nicht zahlen, der Vermieter, auch ein Arzt, stellt das Gebäude kostenlos zur Verfügung.

Eine Behandlung dauert i.d.R. 4 Stunden. Während dieser Zeit gibt es für die an der Maschine Sitzenden nicht viel zu tun. Irgendwann hat Abdou eingeführt, dass es wenigstens für sie dann einen Tee gibt. (Teespenden werden am Eingang abgegeben) und wenn er kommt, bringt er immer noch ein paar Kekse mit, die oft für die Behandelten die einzige Nahrung ist, die sie bisher am Tag bekommen haben.

Alles zusammen gesehen ist es eine Mischung aus Freude und Entsetzen. Freude, dass es Menschen gibt, die so etwas unterstützen. Auch wenn es immer schwieriger wird, die nötigen Mittel zu bekommen (die Wirtschaftskrise in Ägypten ist auch hier spürbar), immer schwieriger wird, die notwendigen Medikamente zu bekommen (da Import) und auch entsprechende ausgebildete Arbeitskräfte zu finden, die bereit sind mindestens einen Tag in der Woche für sehr wenig Geld zu arbeiten.

Entsetzen, denn auf meine Frage, was die anderen Kliniken für die arrnen Leute machen, wenn sie nicht diese Zuschüsse haben: Leitungen und Filter mehrfach verwenden, keine Spritzen geben, am Putzpersonal sparen etc.

Diesmal möchte ich diesen Artikel mit einem Aufruf beenden. Als ich dort war, habe ich spontan Geld dort gelassen. Für mich war das sehr konkret und greifbar, was dort passiert. Es gibt keinen Apparat, der etwas von diesem Geld frisst. Es kommt direkt bei den Betroffenen an. Vielleicht empfindet ihr das ja vielleicht ähnlich. Ich vermittle gerne zwischen euch und dem Projekt. Vielleicht habt ihr ja auch die Möglichkeit in Deutschland auf Dialysekliniken zuzugreifen. Eventuell haben die Menschen dort das Verständnis und man könnte eine Patenschaft einrichten.