Eine Seefahrt ist nicht lustig

In Alexandria ist, wie in der gesamten arabischen Welt, es den Seeleuten nicht erlaubt, das Schiff zu verlassen, deswegen ist es meine Arbeit, sie an Bord zu besuchen.

Der Weg an Bord ist oft schon schwierig. Viele Kugelschreiber verlassen mein Auto, bis ich überhaupt an die Reling des Schiffes zu kommen. Dort erwarten mich dann die unterschiedlichsten Gespräche, gerade jetzt zu Weihnachten.

Leider ist der Hafen Ägypten nicht unbedingt der „Hotspot“ für lustige Erlebnisse und Berichte. Viele Seeleute leiden sehr stark unter der Einsamkeit an Bord. Gerade, wenn sie sich inbesonders in der arabischen Welt bewegen, kann es sein, dass sie bis zu 9 Monate nicht das Schiff verlassen können und sich dort mehr als eingesperrt fühlen.

Stellt euch vor, ihr seid mit 18-20 anderen Kollegen zusammen in einer Wohnung eingesperrt, die ihr 9 Monate lang nicht verlassen dürft. Jeden Tag 12 Stunden Arbeit und 1 mal im Monat nach Hause telefonieren. Ja so ist das Leben vieler Seeleute!

Sie sagen mir häufig: „Was ist der Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Schiff? – Im Gefängnis darf man einmal am Tag ins Grüne“

Gerade auch die Routen im östlichen Mittelmeer sind nicht die von Seeleuten besonders bevorzugten Routen. Deswegen sind die Zusammensetzungen der Crews an Bord häufig, gelinde gesagt, schwierig. Ukrainer und Russen nur als ein Beispiel.

Ich vergleiche meine Arbeit und meine Gespräche sehr viel mit der Gefängnisseelsorge. Viele Probleme, die mir geschildert werden ähneln sich. Es gibt unheimlich viel Gewalt an Bord. Sowohl physische, wie psychische, aber auch sexuelle Gewalt. Da kommen einem die schlechtesten Gefängnisfilme in Erinnerung und beschreiben eigentlich nur das.

Immer wieder führt das dazu, dass Seeleute damit nicht fertig werden und als letzten Ausweg einen Suizid wählen. Dies erlebe ich nicht nur einmal im Jahr und die anderen Seeleute ziehen davon langwierige Traumata mit sich, die dann mir berichtet werden.

Ich höre Stimmen sagen: „Schicksal freiwillig gewählt, soll sich doch eine andere Arbeit suchen“. Ja, wenn das so einfach wäre. Viele der Seeleute kommen aus armen Ländern, in denen es keine Arbeit gibt, keine Perspektive, den Kindern eine ordentliche Ausbildung zu finanzieren, keine Möglichkeiten überhaupt die Familie am Leben zu halten. Die Einteilung erfolgt über Agenturen und der einfache Seemann hat kaum ein Mitspracherecht. Es gibt für Viele keine Alternative als Arbeit – also wählen sie diesen Weg.

Wir als westliche reiche Nation sollten uns dabei immer bewusst sein, dass über 90 % aller Güter, die in der Welt gehandelt werden mit dem Schiff transportiert werden. Auch gerade jetzt die Weihnachtsgeschenke – sie kamen fast alle per Schiff!. Unser Wohlstand in Europa basiert auf dem Rücken der Seeleute. Lasst uns während der Weihnachtszeit auch an sie denken.

Übrigens gibt es dazu in Arte eine Sendung „Mit offenen Karten“ – hier werden Zusammenhänge anschaulich erklärt. Einer geht darüber über den Schifftransport: